Eine Rezension von Dominik Wohlraabe
Drei Sichten auf China
Alan Savage: Die Herrscherin der Verbotenen Stadt
Historischer Roman. Aus dem Englischen von Susanne Zilla.
Bastei Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach 1998, 486 S.
Chow Ching Lie: Die Perlen des Buddha
Autobiographischer Roman. Aus dem Französischen von Renate
Orth-Guttmann.
Ullstein Verlag, Berlin 1998, 320 S.
Yu Hua: Leben!
Roman. Aus dem Chinesischen von Ulrich Kautz.
Klett-Cotta, Stuttgart 1998, 219 S.
China ist nicht nur gewaltig an Ausdehnung und Bevölkerungszahl, auch seine Geschichte in all ihren zivilisatorischen, wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Facetten ist so reich und vielgestaltig wie in kaum einem anderen Land dieser Erde. Drei Bücher behandeln nun in unterschiedlichster Weise dieses umfangreiche Thema. Ein großes historisches Romanepos aus der Sicht des Ausländers, die Autobiographie einer in Paris lebenden Chinesin, die Chinas Entwicklung aus der Außenperspektive beleuchtet, und die fiktive Lebensgeschichte eines alten Dörflers tief im Landesinnern fügen sich zu einem komplexen Bild über ein Land mit einer Vergangenheit voller Widersprüche.
Ihren eigenen konfuzianischen Idealen zufolge bildeten die Soldaten den niedrigsten Stand, die Spitze bildeten Dichter, Maler und Philosophen, die glühend verehrt wurden. Aber abgesehen von dieser bewundernswerten Einstellung sehnten sich die Chinesen danach, in Ruhe gelassen zu werden, und sie haßten die Barbaren, die mit Feuer und Schwert in ihre Häfen eingedrungen waren und ihnen jetzt auch noch im Innern des Landes Befehle erteilen wollten. Daher wünschten sie, daß die Mandschus, die zweihundert Jahre zuvor über sie hergefallen waren und sie unterworfen hatten, nun die Barbaren besiegen und vertreiben würden, auch wenn sie insgeheim stolz darauf waren, die Mandschus so unterwandert zu haben, daß man - abgesehen von dem verhaßten Zopf, den die Chinesen als Zeichen ihrer Inferiorität tragen mußten - die beiden Völker kaum noch auseinanderhalten konnte. So umreißt Alan Savage in Die Herrscherin der Verbotenen Stadt den Zwiespalt, in dem sich das chinesische Reich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts befand. Von der Herrschaft der Mandschus profitiert hatte die ihren Ursprüngen nach britische Familie Barrington, deren Handelshaus durch die enge Beziehung zur Kaiserin Tse-hi zum größten und mächtigsten in ganz China aufgestiegen war. (Savage beschrieb den Aufstieg des Hauses seit dem Ende des 18. Jahrhunderts in seinem vorangegangenen Roman Die weiße Lotosblüte.) Es entwickelten sich derart enge Verflechtungen mit den Mächtigen, daß die Barringtons von ihren britischen Landsleuten entfremdet wurden. So können sie zwar einerseits in den schwelenden Konflikten mit den Barbaren eine Vermittlerrolle übernehmen, sind aber gleichzeitig in einer überaus gefährdeten Position, da ihnen schließlich von beiden Seiten Verrat vorgeworfen wird. Daher ist ihr Schicksal gnadenlos mit dem der Ching-Dynastie verbunden, deren Untergang schließlich auch den des Hauses Barrington nach sich zieht. Aus all diesen historischen Gegebenheiten hat der Autor ein opulentes Epos entwickelt, das die Fremdartigkeit der chinesischen Denkweise einfängt und gleichzeitig in Beziehung zur europäischen setzt. Wir werden Zeugen des Taktierens der Kaiserin Tse-hi, die aus dynastischen Erwägungen auch vor eigenhändigem Mord nicht zurückschreckt; wir erleben die Entstehung und den Kampf der Fäuste der heiligen Harmonie, die im Westen als die Boxer bekannt wurden, und wir erfahren kopfschüttelnd von der Arroganz der Mächtigen auf allen Seiten. Kenntnisreich hat Savage eine Antwort auf die Demokratisierungsbestrebungen im heutigen China gegeben, die nicht nur unser Wissen bereichert, sondern darüber hinaus noch außergewöhnlich spannend zu lesen ist.
Der autobiographische Roman Die Perlen des Buddha von Chow Ching Lie ist ebenfalls die Fortsetzung einer Familiengeschichte. Unter dem Titel Die Sänfte der Tränen hatte die 1936 geborene Autorin ihre Kindheit, Jugend und erste Ehe in einem China des Elends und der Tränen beschrieben. Hier nun führt sie ihren Bericht weiter nach dem Tod ihres ersten Ehemannes, dem sie mit dreizehn Jahren in einer prunkvollen Zeremonie angetraut worden war. Kurz darauf waren ihre beiden Kinder Paul und Juliette zur Welt gekommen, denen sie nach dem frühen Tod ihres verehrten Mannes eine Zukunft ertrotzen will. Dazu reist sie - nach alter Tradition mit dem Segen ihrer Schwiegereltern - nach Paris, um dort an der Musikakademie ihre Fertigkeiten als Pianistin zur Meisterschaft reifen zu lassen. Der Zusammenprall mit der westlichen Zivilisation ist hart, bisweilen auch komisch und rührend. Ihr Erstaunen erregen vor allem ihre verwestlichten Landleute, die wiederum die ihr vertrauten Verhaltensweisen belächeln. Mit Fleiß und Ehrgeiz vervollkommnet sie ihr Können und wird zu einer echten Künstlerin; sie gewinnt den ersten Preis in einem Musikwettbewerb und möchte sich nun auf die Heimreise begeben. Verschiedene widrige Umstände verhindern dies, und schließlich geht sie mit einem ungeliebten Mann eine Ehe ein, die ihr armseliges Los nur wenig verbessert. Aus eigener Kraft baut sich Chow Ching Lie ein Geschäft auf, das ihr nach und nach den Lebensunterhalt für sich und ihre Kinder sichert, die sie erst nach mehrjähriger Trennung nach Europa holen kann. Ihre emotionalen, persönlichen und geschäftlichen Beziehungen zur Heimat bleiben jedoch eng, und mit ihr erlebt und durchleidet der Leser die Armut der Menschen auf dem Lande, aber auch die glücklichen Verbesserungen ihrer Lebenslage nach dem Sieg Maos (geschmälert durch die Auswüchse der Kulturrevolution) und später unter Teng Siao-Ping. Als Buddhistin sind für sie die wundersamen Fügungen, die ihr Leben immer wieder selbst in den schwersten Zeiten zum Guten wenden, selbstverständlicher Ausdruck des beständigen Wandels. Und für nahezu jede Lebenslage hat sie ein berühmtes Gleichnis aus dem alten China parat, so daß vor uns eine Welt plastisch ersteht, in der sich Geschichte und Legenden, Wunder und Realität mischen. Die Kontinuität der Generationen, die Einheit von Kindern und Eltern ist gleichzeitig Verpflichtung und Beglückung, von zahlreichen alten Bräuchen geschützt, die uns noch enger miteinander verbinden. Aus diesen Wurzeln bezieht nicht nur der einzelne Mensch, sondern ein ganzes riesiges Land seine Kraft.
Ganz anders geartet als die beiden vorangegangenen Werke und doch in der Grundaussage gleich ist Leben! von Yu Hua. Der Autor, selbst in einem kleinen, abgelegenen Dorf in Zentralchina aufgewachsen, überliefert uns die Lebensgeschichte eines alten Bauern. Der Titel ist gleichzeitig Botschaft und Quintessenz des Buches: eine Verbeugung vor dem Leben. China wird hier aus einer ganz persönlichen Sicht beschrieben, aus der Innenperspektive eines Dorfbewohners, an dem die Zeiten und Machthaber vorbeiziehen, aber das Leben irgendwie immer weitergeht. So spiegelt es gleichzeitig geschichtliche Abläufe und ist dennoch ahistorisch, nie aber denunziatorisch.
Der Held, Fugui, erzählt anschaulich und lebendig seine wechselvolle Lebensgeschichte, die sich - nach einer behüteten Kindheit im Hause reicher Eltern - bald in ein elendes Leben wandelt. Fugui sprach gern über die Vergangenheit und über sich selbst, so als könnte er auf diese Weise Stück für Stück sein Leben noch einmal leben. Mit seinen Erzählungen packte er mich so fest wie der Vogel mit seinen Krallen einen Zweig. Was zunächst als großes Unglück erscheint, ist einige Zeit später lebensrettend: Als anmaßender junger Mann verspielt Fugui den beträchtlichen Familienbesitz und gerät in bitterste Not, dafür wird später von der Volksrevolution der neue Gutsherr umgebracht. Das Leben im Dorfe ist nicht frei von skurrilen Elementen, es ergehen schildbürgerstreich-ähnliche Weisungen, die - von keiner Sachkenntnis getrübt - umgesetzt werden. Wir waren ja alle einfache Leute, und diese wichtigen Staatsangelegenheiten - also, es war nicht so, daß sie uns nicht interessierten, nur verstehen taten wir sie nicht. Wir hörten einfach auf den Brigadeleiter, und der hörte auf seine Leitung. Was die da oben sagten, das machten wir und das dachten wir. Mit Liebe und tief verwurzeltem Verständnis für die einfachen Menschen gestaltet Yu Hua deren Tragik und menschliche Größe zu einem anrührenden Lebensbericht.
Alle Romane verdeutlichen das Ursache-Wirkung-Prinzip in historischen Zusammenhängen, die Vorhersehbarkeit politischer Wandlungen und die Unvorhersehbarkeit ihres Ablaufs. Und gleichzeitig überraschen sie mit einer Fülle an asiatischer Lebensweisheit, die uns Europäer bisweilen sprachlos machen kann.