Eine Rezension von Karla Kliche


Wer macht heute Literatur?

Andrea Köhler/Rainer Moritz (Hrsg.): Maulhelden und Königskinder

Zur Debatte über die deutschsprachige Gegenwartsliteratur.

Reclam Verlag Leipzig, Leipzig 1998, 266 S.

„Kaum jemand sagt ... in dieser Debatte etwas völlig Dummes, aber auch nur wenige etwas sehr Kluges.“ Sagt der Essener Literaturprofessor Manfred Schneider auf der letzten Seite dieser Dokumentation einer sich über fast ein Jahrzehnt hinziehenden Debatte. Diesem Satz stimme ich zu. Er hinterläßt aber dennoch irgendwie ein unbefriedigendes Gefühl. Schneider begründet seine Einschätzung der Debatte - im Vergleich etwa zu Frankreich und den USA - als „wundervoll deutsche“. Mir kam an verschiedenen Stellen die Ahnung, ob es nicht vielleicht doch damit zu tun haben könnte, daß Schriftsteller keine Manifeste mehr verfassen; daß dies statt ihrer nun die Feuilleton-Kritiker, die Lektoren und Verleger und andere Berufsleser tun, indem sie Erwartungen und Vorschläge in Richtung Autoren formulieren, wie Literatur heute sein und welche Funktion sie haben solle, und - deren Werke dann daran messen.

Der zitierte Satz birgt aber auch eine Falle: Wie steht nämlich da, wer sich über eine derart bewertete Debatte äußert? In den Texten ist mehrfach von Anklägern und Verteidigern (der deutschen/deutschsprachigen Gegenwartsliteratur) die Rede. In die Position des Richters möchte ich mich nicht gedrängt sehen. Der Verfasser des letzten Beitrags entzieht sich dieser Rolle zum Teil mit Ironie; ich möchte schlicht einige (Prozeß-)Beobachtungen formulieren und diese Dokumente einer Debatte, während deren Dauer sich unerhörte Umbrüche vollzogen, einer aufmerksamen Lektüre empfehlen. Sicher ist sie nicht so spektakulär wie die andere von Thomas Anz dokumentierte, zu der Christa Wolf nur der Anlaß war, oder die zu Grass’ Ein weites Feld, herausgegeben von Oskar Negt. Doch ist sie mit diesem Band sicher noch nicht zu Ende, denn - so heißt es darin - über Krisen, und seien sie auch nur herbeigeredet, läßt sich endlos reden/schreiben.

Im Diskurs darüber, wie die Situation der Gegenwartsliteratur eingeschätzt wird bzw. wie sie sein müßte, werden die Werke der Gegenwartsliteratur nur in Ausnahmefällen herangezogen, sehr selten auch werden Autorennamen genannt. Schriftsteller selbst sind an der Debatte nur zwei beteiligt. (Zudem erfahren wir von Matthias Altenburg, daß die hier abgedruckte Wortmeldung seines Schriftstellerkollegen Maxim Biller im deutschen Feuilleton keine Publikationsmöglichkeit fand. Sie erschien in der Schweizer „Weltwoche“; wie immer man zu Billers Position stehen mag, für mich wurde damit die Veröffentlichung einer Meinung unterdrückt.) Insofern waren die Herausgeber gut beraten, zu den 16 wiederabgedruckten Beiträgen wenigstens 3 (von 7) Originalbeiträge von Schriftstellern zu stellen (Thomas Hettche, Burkhard Spinnen, Brigitte Kronauer).

Im Anfang war Frank Schirrmacher. In der Buchmessebeilage der FAZ machte er 1989 den Versuch einer Jahrzehntbilanz der achtziger Jahre. Er kritisiert das Förderungssystem (vor allem für Debütanten), wie es seit dem Ende der siebziger Jahre besteht; Talentschwäche tarne sich mit Authentizität; genutzt würden abgegriffene, unproduktiv gewordene Denkbilder einer veralteten Avantgarde; obwohl die Autoren die Städte (früher die Heimat der Avantgarde) kennen und darin leben, entstehe keine Literatur der Metropole, sondern Idyllen (anstelle des sozialen Romans) usw. Dem Feuilleton-Redakteur - und inzwischen Mitherausgeber - der FAZ wird im Verlauf dann sein Anti-Avantgardismus und seine kanonische Orientierung am 19. Jahrhundert bescheinigt. Nachdem Volker Hage demgegenüber- vor allem unter Verweis auf sein Paradebeispiel Botho Strauß - der Literatur der 80er Jahre bescheinigt (und dies in Polemik gegen Schirrmacher begründet), daß sie sich sehen lassen kann; Hubert Winkels sich mit beiden Debattanten auseinandersetzt und begründet, warum man in der deutschen Gegenwartsliteratur „so viel vom Lesen und vom Schreiben, von der Schrift und den Buchstaben, vom Erzählen und Erfinden, von Macht und Medium, von der Literatur und den Büchern“ liest, sowie weitere acht professionelle Leser ihre Positionen artikuliert haben, meldet sich 1995 im „Merkur“ Karl Heinz Bohrer zu Wort mit seiner „Erinnerung an Kriterien“. Ich gehe sicher nicht fehl, daß dies seine Weise der Wortmeldung zur Grass-Diskussion ist und zum Zeitroman bzw. dem immer wieder geforderten ,Wenderoman‘, als welcher Ein weites Feld gelesen wurde. Wie nicht anders zu erwarten, insistiert er auf der Subjektivität, und zwar in Abgrenzung vom „schrecklich Authentischen“ auf einem spezifischen „Charakter der Subjektivität“: dem philosophischen. Und so mit seiner (bekannten) Traditionskonstruktion Frühromantik - Surrealismus - Nouveau Roman (oder Kafka, Musil, der frühe Peter Weiss) auf ästhetischer Reflexion bestehend, wendet er sich gegen die Verteidiger „des Erzählens“ (im Band zum Beispiel der Kiepenheuer-Lektor Martin Hielscher); das lobende „Man erzählt wieder“ der siebziger Jahre sei der Beginn dieses antimodernen Irrwegs. Kurz: Bohrers ,Erinnerung an Kriterien‘ sind letztlich auch wieder ,Vorschriften‘. Seine Trivialisierung von Grass’ Schreiben brachte mich übrigens auf den Gedanken, daß die Kritik, ausgerichtet auf jeweils bestimmte Erwartungen oder ,Kriterien‘, vielfach blind ist gegenüber Innovationen durch die Literatur. Was, wenn Grass vermittels dieses Stoffes seines letzten Romans poetisch eine Antwort auf das so uralte - philosophische! - Thema von Einheit und Identität für das 20.Jahrhundert zu geben versucht? (Diese Leseorientierung verdanke ich übrigens Rolf Geißler.)

So neu ist aber übrigens der Gedanke nicht, daß erst späterhin wahrgenommen wird, welche Grenzen Werke in ihrer Zeit durchstoßen haben. Wann denn wurde von Zeitgenossen (von Schriftstellerkollegen einmal abgesehen) Innovatives sofort erkannt? Und in unserer unverhohlen mit dem Markt argumentierenden und schnellebigen Zeit zumal: An einer Stelle im Band wird die Situation der Kritiker mit den vielen zu lesenden Büchern vor sich auf dem Schreibtisch ausgemalt. Wieviel Zeit bleibt zur Besprechung eines Bandes, wie oft ist der Kernbezug einer Rezension der (meist reißerische) Klappentext, ergänzt durch eine kursorische Lektüre, wie oft ist sie die Profilierung eines Lieblingsthemas des Kritikers, das mitunter nur sehr lose mit dem zu besprechenden Text zu tun hat! Lektüre braucht einfach Zeit, Lektüre ist Arbeit, heißt es an einer Stelle, oder sollte es zumindest für die sein, die dann maßgeblich das Urteil der Öffentlichkeit prägen (nichts also dagegen, wenn ein ,normaler‘ Leser Grass’ Roman als Wenderoman liest).

Nicht zuletzt was diesen (Frei-)Zeitfonds betrifft, kann Literatur und Lesen nicht ohne den Kontext der (neuesten und älteren) anderen Medien reflektiert werden. Das geschieht im Band vielfach und unter verschiedensten Aspekten im Für und Wider. Mir jedenfalls scheint es sehr einsehbar, daß Schriftsteller sich nicht nur als dekonstruktiven Verfahren anhängende, akademisch gebildete Individuen über die Sprache/die Schrift als ihrem Medium literarisch reflektieren. Auch hier ist zu unterscheiden, ob dies Manierismus oder gar Mode ist, oder inwieweit damit der Nerv der Kultur einer Zeit getroffen wird. Das aber wäre Aufgabe der Kritik und bedarf genauester Lektüre und Analyse ...

Welche Stichworte finden sich noch im Band? Hier nur noch einige von vielen weiteren: das Problem der deutschen Trennung von U- und E-Kunst. In diesem Zusammenhang empfiehlt Uwe Wittstock die junge amerikanische Literatur als zu kopierendes Vorbild (was dann von verschiedenen Positionen her aufgegriffen und diskutiert wird; und vielleicht ist auch Thomas Hettches vielfaches „Ich bin an den Dollar gekoppelt“ von daher zu verstehen). - Vor allem Markt und Lesen: Dem verlegerischen Argument, daß noch nie so viele Bücher/Titel wie im genannten Zeitraum auf den Markt gekommen sind, wird die Reputation des Kulturguts Buch (besser: Bestseller, die Norbert Bolz „Kultmarken“ nennt) entgegengehalten sowie die Erfahrung, daß gekaufte Bücher nicht gelesene sein müssen. - Die heutige Kommunikationssituation zwischen Autor und Leser. - Realismus (nachdem der Begriff erst einmal verschämt gefallen ist) mit seinen doch sehr verschiedenen inhaltlichen Bestimmungen. - Das Langeweile-Verdikt (sowie auch - Lob) gegenüber der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. - „Evidenz“ (ein gerade in Mode kommendes Schlagwort, das aber literarisch durchaus etwas für sich hat). - Und: Am Beispiel „Literarisches Quartett“, vor allem des Großkritikers, wird vermutet, daß heutzutage die Kritik wichtiger ist als die Literatur, diese werde zunehmend nur zum Anlaß.

Die Schriftstellerin Brigitte Kronauer, übrigens ihrer Ausbildung nach nicht Germanistin sondern Kristallzüchterin, äußert sich in einem der Originalbeiträge nun ihrerseits über die Literaturkritik, und zwar unter Ausmalung dieses Bildes: „Die deutsche Literaturkritik führt sich bei ihren Nörgeleien auf, als hielte sie sich für eine hungrige Tigerin, die den richtigen Stoff (Weltbestseller?) zwischen den Zähnen vermißt. Wie aber steht’s mit dem Gebiß?“ Was sie zu sagen hat, sollte sich die Kritik (und die Literaturwissenschaft) hinter den Spiegel stecken. Auch wenn man mit ihrer Wertung der Arbeit von einigen Schriftstellerkollegen nicht einverstanden sein muß, akzeptiert man als Leser diese Kollegendifferenz ganz anders als die der Berufskritik.

Muß ich betonen, daß mit (junger) Gegenwartsliteratur vor allem die der alten Bundesländer gemeint ist (auch wenn bei den wenigen Nennungen von Autoren durchaus in den späteren 90er Jahren auch die Namen Durs Grünbein, Jens Sparschuh ... auftauchen)? Nur in einem Beitrag wird das Problem der nunmehrigen Einheit thematisiert: von Iris Radisch 1997. Sie konstatiert, daß es jetzt erst recht zwei deutsche Literaturen gibt: „selbstverliebter Realismus im Westen“ (die Zürcher Herausgeberin Andrea Köhler bestätigt das dann quasi in ihrer Rezension des Weiberromans von Matthias Politycki), „tragischer Expressionismus im Osten“. Hier werden auch einmal einige Autoren mehr genannt, aber warum fehlen zum Beispiel Thomas Brussig, Kerstin Hensel, um nur diese beiden zu nennen, die sich dieser Linienziehung nicht fügen? Brigitte Kronauer meint: „Etwas flotter als die literaturwissenschaftlichen Etikettierer neigen Kritiker dazu, jetzt mal zurückpauschalisiert, den Fabrikationen der Schriftsteller, um souveränen Überblick, wer hat ihn schon, wenigstens zu markieren, schnöde drei bis fünf verschiedene Uniformen zu verpassen.“ - Soll wenigstens hier einer Schriftstellerin das letzte Wort gelassen sein.


(c) Edition Luisenstadt, 1998
www.luise-berlin.de

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