Eine Rezension von Hans Aschenbrenner
Uwe Timm: Die Entdeckung der Currywurst
Novelle
Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln 1997, 221 S.
Handlungsort ist Hamburg, nicht etwa Berlin, wie der Buchtitel suggerieren könnte. Aber es ist ja eine Novelle, und wer kann da schon erahnen, was Timm erzählen und welche Botschaften er an den Leser bringen will. Dem Titel nach könnte seine Geschichte etwas mit der unmittelbaren Nachkriegszeit und auch mit der Stunde Null zu tun haben. Wer dies vermutet, liegt erst einmal richtig; seine Neugier ist vielleicht geweckt.
Die Novelle, mehrmals aufgelegt und auch als Taschenbuch erschienen, flicht sich zusammen aus mehreren Erzählsträngen, die auf geschickte Weise miteinander verwoben sind. Erinnerung ist dabei ein zentraler Begriff. Da sind zum einen einige Textteile, in denen der Autor in eine Art Hauptrolle schlüpft. Ihm (Jahrgang 1940, in Hamburg geboren) will seinen Worten nach eine Frau nicht aus dem Kopf gehen, die er als Kind erlebt hat, mit der sich für ihn noch Jahrzehnte später eine Menge Erinnerungen verbinden, so auch an die Schwarzmarkthändler, Schauerleute, Seeleute, die kleinen und großen Ganoven, Nutten und Zuhälter, die alle zu ihrem Imbißstand auf dem Großneumarkt kamen, einem Platz im Hafenviertel - windig, schmutzig, kopfsteingepflastert, im Krieg durch Bomben stark zerstört. Er weiß noch einiges mehr über ihre Lebensumstände, und er glaubt sich daran zu erinnern, ohne es belegen zu können, sie habe in jener Zeit die Currywurst entdeckt. Über Letzteres will er nun mehr wissen, und so sucht er diese Lena Brücker, macht sie in einem Altersheim bei Hamburg ausfindig, befragt sie während sieben Besuchen, erfährt dabei eine ganz andere Geschichte als erwartet - mit Andeutungen und Brosamen hingegen wird er ein um das andere Mal vertröstet, wenn er bohrt, wer und was denn nun bei der Entdeckung der Currywurst eine Rolle gespielt hat.
Uwe Timm läßt die Geschichte seiner Lena Brücker am 29. April 1945, einem Sonntag, beginnen. Die Engländer gehen bei Artlenberg über die Elbe. Hamburg soll als Festung bis zum letzten Mann verteidigt werden. Barrikaden werden gebaut, der Volkssturm wird aufgerufen, der Heldenklau geht durch die Krankenhäuser, das allerletzte Aufgebot wird an die zum Greifen nahe Front geworfen. Mittendrin in dem heillosen, nicht mehr kalkulierbaren Durcheinander die 40jährige Lena Brücker und der 19 Jahre jüngere Bootsmann Hermann Bremer. Zufall läßt beide beim Anstehen vor Knopfs Lichtspielhalle auf der Reeperbahn ins Gespräch kommen. Er ist nach dreitägiger Ausbildung an der Panzerfaust zu einer Panzerjagdeinheit abkommandiert und nach Hamburg befohlen, um in wenigen Stunden zum Endkampf in die Lüneburger Heide gebracht zu werden. Lena Brücker aber nimmt den Marinesoldaten mit zu sich nach Hause und versteckt ihn in der Wohnung. Die Hin- und Hergerissenheit der beiden, die Risiken, denen sie ausgesetzt sind, das alles wird nun in sehr intensiver, eindringlicher und zugleich nachvollziehbarer Weise geschildert. Da plagt sich Bremer mit der Frage, welche der beiden Alternativen die größeren Chancen bot, heil durchzukommen: zu desertieren (und damit möglicherweise wegen Fahnenflucht von den eigenen Leuten an die Wand gestellt zu werden) oder an die Front zu gehen (und damit von einem englischen Panzer zerfetzt zu werden). Als Hamburg kurz darauf kapituliert, will sie ihren Deserteur nicht gleich heim zu Frau und Kind lassen. Von Skrupeln zwar geplagt, verschiebt sie es dann immer wieder, ihm zu sagen, daß der Krieg vorbei ist. Er sitzt, während sie bald wieder arbeitet, nun unter englischen, bald auch wieder unter kollaborierenden deutschen Vorgesetzten, indessen noch weiter in der Wohnung fest, umsorgt mit Ersatzgenüssen: mit Gerichten (Wildgemüse, Eichelkaffee und falscher Krebssuppe) und mit Geschichten. Was er sucht, sind der Abbau von Ängsten und die Bestätigung von Vorurteilen, die wie Ventile wirken. Da genügen Gesten, Andeutungen, und es funktioniert: Hat Dönitz mit den Amerikanern verhandelt? Mit den Engländern? Geht es mit den Amis und den Tommys endlich gegen die Russen? Schwerer ist es, mit der Angst umzugehen, doch noch aufgegriffen zu werden. Am 18. Tag nach der Kapitulation will die Brücker ihn damit beruhigen, daß eine Amnestie für Deserteure in Vorbereitung sei. Auch da noch: Wenn sie mich nicht doch noch erwischen, denn auch wenn sie die SS aufgelöst haben, werden jetzt doch englische und deutsche Militärpolizisten Streife gehen. Als sie ihm von Auschwitz, der Judenvernichtung erzählt, kommt als Erwiderung sofort: Gerüchte, Feindpropaganda. Wer hat ein Interesse, so etwas in die Welt zu setzen? Und gleich danach: Ist schon Breslau entsetzt? Jetzt erst schenkt sie ihm mit drastischen Worten reinen Wein ein, es ist das Ende der Beziehung. Sie hätte ihm noch sagen wollen, daß sie ihm mit ihrem Verschweigen der Kapitulation nicht geschadet habe. Er hätte nicht viel früher gehen können, selbst jetzt konnte er von der Militärpolizei noch aufgegriffen werden, ohne Entlassungspapiere - er hatte sich ja selbst entlassen. Eines war ihr allerdings egal, was er seiner Frau für eine Geschichte erzählen würde; denn seine, ihre Geschichte konnte er niemandem erzählen, das war keine dieser Kriegsgeschichten, die überall und immer wieder die Runde machten. Das war keine Stammtischgeschichte.
Diese Geschichte nun, die noch viel mehr enthält, als hier angedeutet werden kann, wird spannend, in einer präzisen Sprache angeboten. Was aber hat es nun mit der Entdeckung der Currywurst auf sich, wie gelingt es Timm, sie uns da noch in annehmbarer Form anzubieten. Nach dem Geschmack des Rezensenten ist ihm auch das gelungen. Seine Lena Brücker will 1947 die ihr bis dahin unbekannte Gewürzmischung Curry im Tauschverfahren bekommen haben. Als sie - in einem Arm die Currydose, im anderen drei Flaschen Ketchup - die Treppe zu ihrer Wohnung hinaufstieg, stolperte sie. Dabei fiel ihre Last zu Boden, mischten sich, Abrakadabra, Gewürz und Soße zu etwas Fruchtigfeuchtscharfem mit einem Duft wie aus Tausendundeiner Nacht, zu einem delikaten Gemisch, das sie dann als welterste Imbißfrau an ihrer Bude am Großneumarkt auf die Wurst schüttete. Unter ihren Kunden - eine im horizontalen Gewerbe tätige Berlinerin, die später in der Kantstraße einen Imbißstand eröffnete, in dem sie die Entdeckung feilbot. Berlin und Hamburg im Streit, Geburtsort der Currywurst zu sein, so ernst hat es Timm denn wohl doch nicht gemeint. Nichtsdestotrotz hat ihn Gerd Riediger in seinem Buch Currywurst. Ein anderer Führer durch Berlin (be.bra verlag) zur Ordnung gerufen, denn: Sowenig es Hamburger ertragen könnten, wenn Berliner ihren Michel vereinnahmten, sowenig ertragen es Berliner, wenn ihnen jemand ihre Currywurst wegnehmen will.
Der Autor jedenfalls erzählt am Schluß, wie er in einem ihm hinterlassenen Päckchen ein vergilbtes, aus einer Zeitung herausgerissenes Stückchen Papier gefunden hat, auf dem in der großschleifigen Handschrift von Lena Brücker die Zutaten für die Currywurst standen, notiert unmittelbar nach dem Treppensturz. Auf der Rückseite, so Uwe Timm weiter, ist das Stück eines Kreuzworträtsels zu sehen, ausgefüllt in Blockbuchstaben, die, vermute ich, von Bremer stammen. Einige Buchstaben ergeben keinen Wortsinn, andere kann man ergänzen, wie beispielsweise das fehlende sit zum Til. Fünf Wörter aber sind noch ganz zu lesen: Kapriole, Ingwer, Rose, Kalypso, Eichkatz und etwas eingerissen - auch wenn es mir niemand glauben wird - Novelle.