Eine Rezension von Kathrin Chod


Auf verlorenem Posten

Bodo Scheurig: Ewald von Kleist-Schmenzin
Ein Konservativer gegen Hitler.

Propyläen Verlag, Berlin und Frankfurt/M. 1994, 285 S.

 

„Daß er dem Untergang geweiht war, ließ schon die Aura ahnen“, beschrieb Ernst Jünger düster Ewald von Kleist-Schmenzin. Er diente dem Schriftsteller auch als Vorbild für die Gestalt des Fürsten Sunmyra in den Marmorklippen, wo es heißt: „Ich hatte den Eindruck, daß hohes Alter und große Jugend sich in ihm vereinten - das Alter des Geschlechts und die Jugend der Person. In seinem Wesen war die Dekadenz tief ausgebildet; man merkte an ihm den Zug alt angestammter Größe und auch den Gegenzug, wie ihn die Erde auf alles Erbe übt - denn Erbe ist Totengut.“

Bodo Scheurig zeichnet das Bild eines konservativen Landedelmannes, dessen Wurzeln und Rückhalt sein Besitz in Pommern sind und der in Preußen immer das Maß aller Dinge und in der Monarchie die erstrebenswerte Staatsform sah. Ohne die Monarchie als „ordnende Mit te“ wähnte Kleist die Nation in Gefahr, ihr Gleichgewicht zu verlieren und vom Par- lamentarismus zersetzt zu werden. Deutschland, so glaubte er, sei ohnehin nicht für die Demokratie geschaffen und deutsche Demokratie würde nach seiner Auffassung in einer Herrschaft des Pöbels enden. Irdische Gleichheit wäre dem Menschen kraft göttlichen Ratschlusses nun einmal versagt. Merkmale des Parlamentarismus wie Mehrheitsentscheide oder Kompromisse würden zudem moralische Inhalte, menschliche Eigenart und Größe zersetzen.

Kleists Weg in der Weimarer Republik scheint die Vorzeigebiographie eines antidemokratischen Rechten. Er unterstützte die „Schwarze Reichswehr“ und gewährte den Freikorps und der Brigade Ehrhardt Unterschlupf. Auch als Wolfgang Kapp 1920 gegen die Republik putschte, trat Kleist sofort an dessen Seite. Er war Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei und erkannte, trotz aller Vorbehalte, in dieser Partei ein Mittel zum Zweck, ein Sammelbecken antirepublikanischer vaterländischer Kräfte. Als Politiker machte er Front gegen den „nationalen Ausverkauf“, wie er ihn beispielsweise in der Annahme des Young-Plans am Werke sah. Gleichzeitig machte er im Kommunismus den natürlichsten und zugleich gefährlichsten Feind der Rechten aus.

Das alles klingt nicht so besonders hervorhebenswert, kennzeichnet es doch viele Rechte der damaligen Zeit. Bemerkenswert werden diese Stationen erst mit dem Wissen um Kleists Weg nach 1933 und sein tragisches Ende. Denn mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus sollte er einen Feind kennenlernen, der scheinbar aus dem gleichen, dem rechten Lager kam. Über den nationalsozialistischen Führer fällte Kleist schon früh ein vernichtendes Urteil. Adolf Hitler hatte, seiner Meinung nach, während des Putsches in München „gekniffen“, und Politiker ohne Mut konnte er nur zutiefst verachten. Mehr noch, für ihn hatte der nationalsozialistische Aufstandsversuch alle Pläne der Rechten zunichte gemacht, sich erfolgreich gegen die Republik zu erheben. Im Gegensatz zur Mehrheit seiner Zeitgenossen las Kleist schon früh Hitlers Mein Kampf. Als Ergebnis dessen entschloß er sich zu vorbehaltlosem Widerstand. Wer die Rasse als Urelement behauptete, verhöhnte für ihn Gott und Glauben. Obgleich er dem Judentum fremd gegenüberstand, erblickte er im Antisemitismus eine untaugliche „Importware aus Wien“. Für völlig verfehlt hielt er zudem den Gedanken, Lebensraum im Osten zu erobern. Der überzeugte Konservative sieht in Deutschland das Reich Bismarcks, einen gewachsenen, festumgrenzten Nationalstaat. An einer Revision von Versailles war der pommersche Gutsbesitzer wie andere auch interessiert, aber in einem Krieg gegen Rußland sah er höchste Gefahr für das Reich. Trotz seiner bereits feststehenden Ablehnung des Nationalsozialismus wollte er dennoch von Hitler persönlich erfahren, wie er nach einer Machtübernahme zu handeln gedachte. 1932 traf er ihn zu einem Gespräch, das seine Haltung aber letztlich nur bestätigte und zementierte. Noch im gleichen Jahr veröffentlichte er die Broschüre Der Nationalsozialismus - eine Gefahr. Kleist prophezeite, daß ein siegreicher Nationalsozialismus Deutschland nicht nur moralisch, wirtschaftlich und politisch ruinieren würde, sondern sein Drang nach Lebensraum auch einen Zweiten Weltkrieg herbeizwinge. Das Resultat wäre des Reiches Ende und die Herrschaft des Bolschewismus über Mitteleuropa. Doch mit seinen Vorahnungen mobilisierte er andere nicht, sondern stieß sie eher ab. Wähnte sich der Junker seit jeher einer besonderen, elitären Schicht zugehörig - und unterschätzte so auch die Masse als Machtfaktor -, so wurde es nun auch innerhalb seiner Klasse einsam um ihn. Überzeugen konnte er nur ohnehin Überzeugte. Alle seine Versuche, noch 1933 Papen, Hugenberg und Hindenburg persönlich von einer Zustimmung zur Kanzlerschaft Hitlers abzuhalten, scheiterten letztlich. Bodo Scheurig legt überzeugend dar, daß es für Kleist nie die Alternative Diktatur oder Demokratie, im konkreten Fall Hitler oder Weimarer Republik gab, sondern nur die konservative Sache. Dennoch fand sich Kleist dann im Widerstand zu Gesprächen mit Dietrich Bonhoeffer, Ernst Niekisch und selbst Kommunisten zusammen. Schließlich entschloß sich der preußische Patriot sogar zur Konspiration mit England, aber dort meinte man 1938 noch, mit Hitler durch Beschwichtigung fertig zu werden. Zudem, so stellt Scheurig fest, sah Chamberlain den Hauptfeind im Bolschewismus und Deutschland als nützliches Bollwerk. So mußte auch hier das Wirken Kleists fruchtlos bleiben.

Obwohl Kleist nicht unmittelbar an der Verschwörung des 20. Juli beteiligt war, verhaftete man ihn bereits am Folgetag. Zum Tode verurteilt, wurde er am 9. April 1945 hingerichtet.

Die vorliegende Biographie über Ewald Kleist-Schmenzin basiert auf der Arbeit Scheurigs von 1968 und wurde für diese Neuausgabe überarbeitet sowie auf den neuesten Forschungsstand gebracht. Dem Autor gelang hiermit auf beeindruckende Art und Weise das Porträt eines der konsequentesten Hitlergegner, einer zugleich faszinierenden wie auch tragischen Persönlichkeit.


© Edition Luisenstadt, 1998
www.luise-berlin.de

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