Eine Rezension von Klaus Ziermann


Eine fundierte objektive Analyse

Dieter Hoffmann/Kristie Macrakis (Hrsg.): Naturwissenschaft und Technik in der DDR

Akademie Verlag, Berlin 1997, 410 S.

 

Obwohl gegenstandsbedingt nicht alle Detailfragen beantwortet und auch nicht Bilanzen jeder einzelnen naturwissenschaftlichen Disziplin analysiert werden konnten, besitzt das Buch den Charakter eines Standardwerkes. Genau, differenziert und überzeugend in der wissenschaftlichen Methodik werden von siebzehn deutschen und internationalen Autoren Gesamtsituation, gesellschaftspolitische Entfaltungsmöglichkeiten, spezifische Leistungen und systembedingte Mißerfolge der Naturwissenschaften und Technik in der DDR dargestellt.

Die internationale Zusammensetzung der Autoren und deren Sicht auf weltweite Trends haben sich bei der Einschätzung der DDR-Situation bewährt. Plumpe Pauschalurteile, die für große Teile der gegenwärtig entstehenden Literatur über die DDR charakteristisch sind, fehlen Gott sei Dank. „Den Wissenschaften und mit ihnen der Entwicklung der Produktivkräfte wurde eine zentrale Rolle für die gesellschaftliche Entwicklung und die Lösung der gesellschaftlichen Probleme zugewiesen. Nicht zufällig wurde der wissenschaftlich-technischen Revolution in den politischen Dokumenten und der offiziellen Propaganda der sozialistischen Länder häufig und vehement das Wort geredet, betrachtete man sie doch als das Kernstück des historischen Wettbewerbs zwischen Kapitalismus und Sozialismus“, steht auf Seite 9 zu lesen. Eine Seite weiter wird ergänzt: „Darüber hinaus verstand sich die DDR in der Systemauseinandersetzung des Kalten Krieges als Treuhänderin des nationalen Kulturerbes. Sie wollte sowohl das geistige Erbe von Goethe und Schiller als auch jene Traditionen fortführen, die Deutschland im zurückliegenden Jahrhundert zu einem der international führenden Länder im Bereich von Wissenschaft und Technik gemacht hatten. Das führte dazu, daß in der DDR den Wissenschaften und der Technik ein hoher Stellenwert zugemessen wurde.“ Das ist eine objektive Ausgangsposition, die sich bewährt und differenzierte Einschätzungen gewährleistet.

Die Zielstellung, mit dem Buch eine Lücke in der gegenwärtigen Literatur über die DDR zu schließen, wird in der Publikation des Akademie Verlages geradezu vorbildlich erfüllt. Auf vier Ebenen ist das von der Alexander-Humboldt-Stiftung geförderte Unternehmen angelegt. In fünf Beiträgen von Eckart Förtsch, Hubert Laitko, Kristie Macrakis, John Conelly und Reinhard Siegmund-Schultze zum Thema „Allgemeine Wissenschafts- und Forschungspolitik“ stehen im ersten Teil die historischen Rahmenbedingungen der Wissenschafts- und Technologiepolitik in der DDR, das Ulbrichtsche Reformpaket der sechziger Jahre, das Ringen um wissenschaftlich-technischen Höchststand mittels Spionage und Technologietransfer, die „stalinistische Vielfalt“ in der Hochschulpolitik im östlichen Mitteleuropa im ersten Jahrzehnt nach 1945 und die Nachwirkungen des Nationalsozialismus auf die DDR im Vordergrund. Jede dieser Abhandlungen besitzt großen Neuwert, werden doch nicht nur - wie derzeit üblich - die spezifischen Aufgaben der „Stasi“ gekennzeichnet, sondern vor allem auch deutliche Unterschiede in der Wissenschafts- und Technologiepolitik der DDR unter Ulbricht und Honecker, Divergenzen zwischen Anspruch und Realität in vier Jahrzehnten DDR, das offizielle Verhältnis der SED zur NS-Vergangenheit und das spontane Weiterwirken von „Schatten des Nationalsozialismus“ erstmals in gründlicher, überzeugender Weise herausgearbeitet.

Im zweiten Teil erfahren die wissenschaftlichen Institutionen der DDR eine genauere Untersuchung. Peter Nötzoldt mit „Der Weg zur ,sozialistischen Forschungsakademie‘: Der Wandel des Akademie-Gedankens zwischen 1945 und 1968“ und Kristie Macrakis mit „Einheit der Wissenschaft versus deutsche Teilung: Die Leopoldina und das Machtdreieck in Ostdeutschland“ liefern dafür exzellente Studien.

Im dritten Teil werden unter der Überschrift „Disziplinen“ von sechs Autoren stichhaltige Detailanalysen ausgewählter Industriezweige gegeben. Was Burghart Ciesla „Zum DDR-Flugzeugbau in den fünfziger Jahren“, Rainer Hohlfeld „Zur genetischen und biomedizinischen Forschung“, Ekkehard Höxtermann zu „Biologen in der DDR zwischen Tradition und Innovation, Wissenschaft und Politik“, Friedrich Naumann zur „Computerindustrie und Informatik im ,Schrittmaß‘ des Sozialismus“, Raymond G. Stokes zu „Chemie und chemische Industrie im Sozialismus“ und Burghard Weiss zur „Kernforschung und Kerntechnik in der DDR“ zu schreiben haben, kann sich sehen lassen: Noch nie ist mir der zunehmende Rückstand der DDR-Wirtschaft zum wissenschaftlich-technischen Weltniveau ohne politische Phrasen so einleuchtend und plausibel erklärt worden. Dolores L. Augustine ergänzt diese Analysen, indem sie in ihrem Beitrag „Zwischen Privilegierung und Entmachtung. Ingenieure in der Ulbricht-Ära“ ein weiteres übergreifendes Kernproblem der DDR- Wirtschaft behandelt, das von großen Auswirkungen war. Auch in diesem Teil dominiert - wie im ganzen Buch - eine dialektische, differenzierte Betrachtungsweise, wenn darauf verwiesen wird, „daß trotz der im ganzen nicht gerade fortschrittsfreundlichen Bedingungen Wissenschaftler in der DDR auf einzelnen Gebieten wichtige, international hervorragende Forschungsleistungen erbracht hatten. So etwa in Werkstoffwissenschaften und Materialforschung; Festkörper-, Halbleiter-, Astro- und Plasmaphysik; Optik und Laserforschung; Molekularbiologie und Pflanzengenetik; Polymeren- und Kolloidchemie; Mathematik; Ernährungsforschung; Geowissenschaften; ferner bei speziellen geisteswissenschaftlichen Problemen und Projekten.“ (S. 31)

Im vierten Teil - „Personen“ - werden drei Varianten des Umgangs der DDR mit bedeutenden Naturwissenschaftlern abgehandelt: „Der Physikochemiker Robert Havemann (1910-1982) - eine deutsche Biographie“ von Dieter Hoffmann, „Kurt Gottschalk (1902-1991) und die psychologische Forschung vom Nationalsozialismus zur DDR - konstruierte Kontinuitäten“ von Mitchell Ash und „Der Physiker Friedrich Möglich (1902-1957) - ein Antifaschist?“ von Dieter Hoffmann/Mark Walker. Während des Lesens dieses Teils drängte sich mir jedoch des öfteren die Frage auf: Warum haben Herausgeber und Autoren die Rolle von Manfred von Ardenne in der DDR nahezu völlig übersehen? Er wird, obwohl er als Baron und führender deutscher Erfinder bereits vor 1945 einiges Bahnbrechende in Naturwissenschaft und Technik, speziell bei der Entwicklung des Fernsehens, geleistet hat, aber auch nach 1945 meines Erachtens nicht weniger erfolgreich war als Robert Havemann und manches zur Perfektionierung der Medizintechnik beitrug, lediglich zweimal - auf Seite 22 und im Autorenregister - namentlich erwähnt, während der „Systemkritiker“ Robert Havemann auf insgesamt 23 Druckseiten abgehandelt wird. Wo bleibt da die Relation? Lag die Diskrepanz etwa daran, daß Manfred von Ardenne als „systemnaher“ DDR-Anhänger eingestuft und abqualifiziert wurde? Doch diese Frage zu beantworten dürfte nicht Aufgabe des Rezensenten sein.

Eine 20seitige solide Auswahlbibliographie von Thomas Stange zur Geschichte von Mathematik, Naturwissenschaften und Technik sowie zur Wissenschafts- und Hochschulpolitik in der DDR bietet dem interessierten Leser genügend Möglichkeiten, sich intensiver und detaillierter mit dem abgehandelten Gegenstand zu beschäftigen.

Insgesamt eine verdienstvolle Publikation, die dem inzwischen zur R.Oldenbourg-Gruppe übergegangenen Akademie Verlag gut zu Gesicht steht.


© Edition Luisenstadt, 1998
www.luise-berlin.de

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