Eine Rezension von Friedrich Schimmel
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Daseinskontraste: Vom Stubenmaler zum Schriftsteller

Ludwig Pietsch: Wie ich Schriftsteller geworden bin
Der wunderliche Roman meines Lebens.
Herausgegeben von Peter Goldammer.
Aufbau-Verlag, Berlin 2000, 670 S.

Ein Roman ist es nicht im erzählerischen Sinne, den Ludwig Pietsch (1824 1911) geschrieben hat, aber es ist eine Lebensgeschichte voller „Daseinskontraste“, wie er es selbst gern hervorhob. In den Berliner Adreßbüchern seiner Zeit wird er zuerst als „Stubenmaler“ geführt, später auch als „Portrait- und Geschichtsmaler“, als „Illustrator“, schließlich, das Ziel scheint erreicht, „Schriftsteller“. Von allem etwas, dazu noch Freund der Frauen, umschwärmter Gesellschaftsberichterstatter und Kritiker. Er beginnt voller Hoffnung, kämpft lange mit seiner Doppelbegabung. Die Lust am Malen und Zeichnen war „innigst verquickt mit der, nicht immer süßen, Qual des Ringens mit dem Gegenstande, der Einsicht, daß der Pinsel, der Bleistift, die Radiernadel und Lithographierkreide das Modell oder das Original nicht ganz so wiedergeben wollten, wie ich es sah ...„ Ganz anders war es beim Schreiben: „Die Feder flog über das Papier und drückte, ohne Mühe, langes Besinnen und Stocken, das, was ich sagen wollte, dachte, fühlte, anschaute, aus.“

Pietsch kannte Fontane, der aber den etwas aufwendigen, wirbligen Lebensstil Pietschs nicht lobte. Über ein „Zauberfest“ bei ihm meinte Fontane: „Höchst interessant. Ich bin indessen Philister genug, um zu erklären, daß ich das Geld lieber auf die hohe Kante legen, als 50 Künstler und Lieutenants mit kolossalem Durst speisen und tränken würde. Außerdem noch das eine: Ich möchte in der Etage unter ihm nicht wohnen.“

Damit ist allerdings noch nicht alles über Ludwig Pietsch gesagt. Adolph Menzel legt er seine Zeichnungen vor, erntet eher Kritik als Zustimmung, besucht aber Menzel immer wieder und verdankt ihm „reiche Anregung, Freude, Belehrung, Erhebung und auch das Glück, in dem großen Künstler den Menschen in der ganzen Größe, Schönheit, Vornehmheit und Lauterkeit seines Geistes und Gemütes zu erkennen und sich bewähren zu sehen“.

Lebendig schildert er zudem Begegnungen mit Adolf Stahr, Fanny Lewald, Franz Duncker, Iwan Turgenjew und Theodor Storm. Ludwig Pietsch liebte Katzen auch in großer Zahl, wanderte einmal nach Sesenheim - sozusagen auf Goethes Spuren -, lobte Paris und Frankreich und die französische Kultur. Und war äußerst skeptisch gegenüber Bismarck. Da zog der Feuilletonist Pietsch alle kritischen Register. In Bismarcks Person „war die gefürchtete Reaktion verkörpert, das schon so lange drohende Schreckgespenst, der angekündigte große Wauwau, hatte Gestalt von Fleisch und Bein bekommen“. Manchmal ist seine Art, über andere Leute und Begegnungen zu berichten, etwas umständlich und blumig-kauzig. Ludwig Pietsch plaudert genußvoll über Salonatmosphäre, geselliges Ateliertreiben, musikalische Eskapaden. Er vermittelt, gerade wegen seiner umfangreichen Kontakte zu Malern und Zeichnern, ein nahezu lückenloses Bild der Berliner Kunstszene des späten 19. Jahrhunderts. Er bejubelt 1859 die Einheit Italiens und hofft, „daß diese Ereignisse jenseits der Alpen aber nicht ohne segensreiche Rückwirkung auf die diesseitigen Zustände und auf die Verwirklichung des deutschen Einheitstraumes bleiben könnten ...“

Als Kritiker der jungen Künstler bemühte sich Ludwig Pietsch um Gerechtigkeit, auf „das Große, Aufrichtige, Gute, Tüchtige, Gesunde“ gab er acht, und wir erkennen den friedfertigen Spätromantiker in solch auftragender Diktion. Wer Ludwig Pietsch gelegentlich doch mit Theodor Fontane vergleicht, der in derselben Zeit lebte und schrieb, wird bemerken, daß jede Zeit ihre größeren und ihre nicht ganz so hervorstechenden Talente besitzt. Begierige Zeit-Geist-Leser kommen hier allemal auf ihre Kosten.


Berliner LeseZeichen, Ausgabe 08/01 (Internetausgabe) (c) Edition Luisenstadt, 2001
www.berliner-lesezeichen.de

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