Eine Rezension von Irene Knoll

Kurban Said: Ali und Nino
Roman.
Ullstein Verlag Berlin, Berlin 2000, 272 S.

Unter dem Pseudonym Kurban Said haben zwei Autoren dieses Buch geschrieben, die Baronin Elfriede Ehrenfels von Bodmershof und Lev Nussimbaum, beide vom Orient und vom Islam begeistert. Nussimbaum, 1905 in Baku geboren, konvertierte zum Islam. Dieser ihrer Liebe zum Orient ist diese Liebesgeschichte zu verdanken. Dem Buch ist nicht anzumerken, daß zwei Autoren daran arbeiteten, es ist gewissermaßen aus einem Geiste geschrieben, aus der respektvollen, aber bereits von Trauer gezeichneten Hingabe an eine Welt, deren Faszination in absehbarer Zeit nur noch in den Märchen lebendig sein wird.

Das Buch erschien 1937 in Wien und liegt erst jetzt wieder in der Originalfassung vor. Denkbar wäre, daß der thematischen Hinwendung zu einer so andersartigen Kultur und der Einfühlung in mögliche Konflikte von Menschen, die der Konfrontation von grundverschiedenen Ideologien und Kulturen ausgesetzt sind, für die beiden Verfasser in den dreißiger Jahren auch ein Motiv der Selbstaufklärung zugrunde lag. In geistreichen, knappen Dialogen werden vom Personenkreis des Buches, - es sind dies die einflußreichen, reichen oder gebildeten Leute -, ideelle Positionen und Differenzen verdeutlicht und mögliche Entwicklungen konturiert. Mit der Pointiertheit und Gelassenheit der Darstellung und einem gelegentlich zur freundlichen Ironie tendierenden Humor nehmen die Autoren den Leser ein.

Baku, die Erdölstadt am östlichen Ende Europas, am Rande der Wüste, ist der Ort des Geschehens, dort treffen Orient und Okzident aufeinander. Dort leben die Angehörigen kaukasischer Völker, Perser, Georgier, Armenier und russische Beamte und Regimenter, die die Interessen des Zaren wahrnehmen, relativ entspannt nebeneinander. „Das Leben war schön und einfach, vom Dache unseres Hauses in Baku gesehen“, resümiert Ali Khan, der im kaiserlich russischen Gymnasium gerade seine Maturaprüfung gemacht hat. Aber Baku beherbergt in seinen Mauern den Gegensatz von Asien und Europa. In der gleichsam europäisierten Außenstadt beherrschen die Ölförderung und die russische Rechtsprechung das Leben, und in seiner Innenstadt gelten die Gesetze des alten Persien, hier übt die Blutrache das Recht aus.

Ali ist Muslim, und er liebt Nino, eine georgische Christin. Nino hat die schönsten Augen der Welt, und jahrelang hat Ali in den Pausen das Lyzeum nebenan aufgesucht, um Nino zu treffen. Jetzt will Ali Schirwanschir Nino Kipiani heiraten. Es wird nicht leicht sein, die Einwilligung seines Vaters und die von Ninos Eltern zu erlangen. Beide sind Abkömmlinge namhafter alter Familien, aber die Kipianis leben in Baku in europäischem Geiste und europäischer Kultur, Ali Khans Familie hingegen lebt nach der schiitischen Lehre.

Ali Khan ist der Erzähler seiner Geschichte. Er ist, direkt und indirekt, auch ihr Held. Er erzählt heiter und selbstbewußt, als ein guter Beobachter, mit Wärme und Witz ausgestattet und fähig zur Reflexion. Ali Khan ist in Baku aufgewachsen. Er liebt die Poesie Persiens, er hat Sinn für Schönheit und Pracht, aber er liebt auch die Stadt, das Meer und die Wüste. Ali Khans Abenteuer, die Geschichten, die ihm erzählt werden, die Überlieferungen und die Ansichten des Freundes Seyd Mustafa, der aus der Familie des Propheten stammen soll und deshalb a priori als weise gilt, entfalten ein detailliertes Bild von der Eigenart des Islam, von den Sitten wie von den erstaunlichen Denkkonstrukten. Die besondere Vornehmheit, die in der Höflichkeit und im Schweigen liegt, die dezente Umschreibung der wirklich wichtigen Dinge und die verurteilende Verwunderung der Muslime über die europäischen Sitten vermitteln dem Leser ein verstehendes Gefühl für die Schönheit und Würde dieser alten Welt und die Geborgenheit der Menschen in den Maßgaben des Korans. Offenbar wird aber auch ihr Unverständnis für die Kultur der „Ungläubigen“ und ein streitbereiter Unwillen, anderes zu akzeptieren.

Alis Leben hört auf, schön und einfach zu sein, als der Zar den europäischen Völkern den Krieg erklärt und auch die lange unterdrückten Konflikte zwischen den kaukasischen Völkern einerseits und zwischen Asien und Europa andererseits aufbrechen. „Vergib nie den Feinden, mein Sohn, wir sind keine Christen“, ist eine der Mahnungen, die Ali Khan von seinem Vater zuteil werden. Ali und Nino ist aber kein Buch, in dem man Daten von Schlachten nachschlagen könnte, vielmehr werden die konkreten kriegerischen Ereignisse und die revolutionären Kämpfe im Iran von den Autoren vernachlässigt. Sie bilden lediglich den Hintergrund für die Spiegelung von Ideenwelten, die dadurch heftig in Bewegung geraten, von ihrer Erschütterung, von Verwirrungen und Verwandlungen, aber auch von der Zähigkeit des Festhaltens an der alleinigen Richtigkeit der eigenen Überzeugung. „Iran starb, aber es starb mit Grazie“, konstatiert Ali Khan nach einer Zusammenkunft mit den alten, mächtigen Muslimen, die sich, völlig blind für die Realitäten, die Besetzung durch die Engländer als einen Sieg ihrer Kultur auslegen, vor der sich die Barbaren beugen. Und sich wieder den Versen Hafisí zuwenden. Vor allem Ali Khan selbst, in dem sowohl das wilde Blut wie die Vorstellung von der Stammeswürde der Familie lebendig sind, aber auch ein toleranteres, aufgeklärtes Denken, das nicht zuletzt der Liebe zu Nino geschuldet ist, wird hin- und hergerissen zwischen seiner Liebe zum alten Persien der Familientradition und dem Gefühl der Zugehörigkeit zu Baku, „zu der alten Mauer, in deren Schatten Ninos Augen aufblitzten“.

Die Verfasser urteilen nicht, sie schildern. Ali und Nino bleibt eine Liebesgeschichte, eine Liebesgeschichte von großem Zauber. Zwar spiegelt sich auch in ihrem Miteinander die Unverträglichkeit von Aufgeklärtheit und Absolutheit, aber ihre Liebe ist wie die aller wahrhaft liebenden Paare, sie mögen nun Romeo und Julia oder Claire und Wölfchen heißen, frei und offen füreinander. In den leichtfüßig inspirierten Gesprächen der beiden, die auch vor den krassen Problemen nicht versagen, äußert sich ein gewissermaßen emanzipiertes Verhältnis, das vielleicht das Credo der Autoren darstellt. Diese Inspiriertheit, die intellektuelle Gleichwertigkeit und Vertrautheit voraussetzt, macht auch den besonderen Charme und eine gewisse Modernität ihrer Liebesbeziehung aus, denn sicherlich wollten die Autoren mit Ali und Nino Menschen zeichnen, in denen sich die Leser der dreißiger Jahre wiederfinden konnten.


Berliner LeseZeichen, Ausgabe 08/01 (Internetausgabe) (c) Edition Luisenstadt, 2001
www.berliner-lesezeichen.de

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