Hieronymus Reiche

* um 1513
+ 6. 8. 1560
Wappen Hieronymus Reiche
Oberbürgermeister
von 1545 bis 1546, 1547 bis 1548,
1549 bis 1550, 1551 bis 1552,
1553 bis 1554, 1555 bis 1556,
1557 bis 1558, 1559 bis 1560

Auch bei Hieronymus Reiche findet sich die in dieser Zeit übliche Verbindung von städtischen und höfischen Ämtern. Als zweiter, um 1513 geborener Sohn des Bürgermeisters Joachim Reiche jr. (Amtsantritt 1526) wurde er 1540, im Sterbejahr seines Vaters, zum Ratsmann gewählt. Fünf Jahre später nahm er die oberste Stadtfunktion ein, die er bis zu seinem Tode innehatte. Nach dem Willen des Berliner Rates hätte er bereits 1542 Oberhaupt der städtischen Gemeinde werden sollen, doch wurde auf Verlangen des Kurfürsten Joachim II. Hector Hans Tempelhof jr. in jenem Jahr als Bürgermeister eingesetzt.

Hieronymus Reiche, von Joachim II. Hector als Stadtoberhaupt am 17. Dezember 1548 bestätigt, war überdies kurfürstlicher Rat und stand somit in unmittelbarem Dienst des Landesherrn. In dieser Eigenschaft wurde Hieronymus Reiche häufig mit den verschiedensten Missionen betraut. So führten beispielsweise er und der Bürgermeister von Frankfurt an der Oder, Caspar Wiederstät, am 1. Juli 1558 in Müllrose Verhandlungen mit einem Abgesandten des Kaisers über den Bau eines Oder und Havel verbindenden Kanals, des sogenannten Kaiserkanals. Als Dank für seine vielfältigen getreuen Dienste überschrieb ihm Kurfürst Joachim II. Hector 1559 einen dem Kloster Spandau zugehörigen Jahreszins in Rosenfelde (dem heutigen Friedrichsfelde).

Hieronymus Reiche wie auch sein Bruder Joachim galten als zwei der besten Vertreter des Berliner Patriziats jener Zeit. Beide waren gelehrte, hochangesehene Männer, die über großen politischen Einfluß verfügten und enge Beziehungen zum kurfürstlichen Hof unterhielten - bei Hieronymus Reiche schon durch seine Stellung als kurfürstlicher Rat bedingt. Er war zudem mit dem Hofrat und späteren kurfürstlichen Kanzler Lampert Diestelmeyer befreundet, dessen Sohn Modestinus er 1553 aus der Taufe hob.

Auch um das Gemeinwesen machte sich Bürgermeister Reiche verdient. Besonders hoch rechnete man ihm und gleichermaßen auch seinem Bruder Joachim Bemühungen um die Wiedereröffnung der Marienschule im Jahre 1552 an, die 1540 der Schule zu Sankt Nikolai angeschlossen worden war. Damit konnte eine gewisse Verbesserung des verhältnismäßig schwach entwickelten Schulwesens erreicht werden.

1559 verehrten Hieronymus und Joachim Reiche der Nikolaikirche ein Marmorbildnis zum Schmuck des kleinen Altars, den 1500 ihr Großvater Joachim Reiche sen. (Bürgermeister ab 1496) der Kirche gestiftet hatte.

Daß die finanziellen Verhältnisse der Brüder zunächst recht günstig gewesen sein müssen, bezeugen der Kauf eines Hauses mit Brauwerk durch Hieronymus Reiche im Jahre 1543 für 750 Gulden und besonders der Erwerb des Hohen Hauses in der Klosterstraße -der ehemaligen markgräflichen Niederlassung in Berlin - durch Joachim Reiche im Jahre 1554. Das Hohe Haus war 1451 zum Burglehen erklärt worden, und seine nachfolgenden Besitzer konnten die damit verbundenen Privilegien wie Steuerfreiheit und anderes in Anspruch nehmen. Gleichzeitig erweiterten Hieronymus und Joachim Reiche ihre ländlichen Besitzungen. Joachim erwarb den Hof in Rosenfelde (heute Friedrichsfelde), so daß er sich nun Burg- und Freisaß zu Berlin (als Besitzer des ehemaligen Hohen Hauses und nunmehrigen freien Burglehenhauses) und Erbsaß zu Rosenfelde nennen durfte.

Wie viele andere vermögende Bürger waren auch die Brüder Reiche genötigt, mit ihren Geldmitteln dem kurfürstlichen Hof auszuhelfen. Während Joachim bei Gewährung von Krediten darauf achtete, kein hohes Risiko einzugehen, wurde Bürgermeister Hieronymus, der außerdem verschiedene Bürgschaften auf sich genommen hatte, von den finanziellen Zusammenbrüchen jener Zeit in starke Mitleidenschaft gezogen. Insbesondere der Konkurs seines aus einer jüngeren Berliner Großkaufmannsfamilie stammenden Schwiegersohnes Joachim Grieben, der sich auf vielfältige abenteuerliche Geldtransaktionen eingelassen hatte, ruinierten ihn und seine Nachkommen.

Hieronymus Reiche verstarb am 6. August 1560 und wurde in der Berliner Nikolaikirche beigesetzt. Der Chronist Peter Hafftiz - übrigens Bakkalaureus an der auf Betreiben von Hieronymus Reiche und seinem Bruder wiedereröffneten Marienschule und von diesen oft hilfreich unterstützt - notierte: "6. August 1560 christl[ich] u[nd] selig gest[orben] H[err] H[ieronymus] Reiche, weil[an]d B[ur]g[er]m[eister] zum Berlin. Ein weiser, verständiger u[nd] beredter Mann, ein besonderer Liebhaber des göttlichen Wortes und gelehrter Leute, welchen M. Joachim II. Churfürst zu Brandenburg für einen Gesandten in großen wichtigen Sachen und Geschäften pflegen zu gebrauchen. Seines Alters 47 Jahr."

Hieronymus Reiche war der letzte von insgesamt sechs Bürgermeistern, die diese alte und angesehene Patrizierfamilie der Stadt Berlin geschenkt hatte. Sein Sohn Jan, der gleichfalls zahlreiche Bürgschaften eingegangen war, starb gänzlich verschuldet 1578 (bisweilen wird auch 1576 als Todesjahr angegeben).

Die Nachkommen seines Bruders Joachim, der am 24. April 1575 gestorben war, zogen sich von jeglichen Geldgeschäften zurück und widmeten sich ihren ländlichen Besitzungen. Etwa um 1600 hatte die Familie Reiche ihre Bedeutung für Berlin verloren. Mit Henning Reiche, einem der Söhne Joachims, erlosch 1620 die männliche Linie dieses einst machtvollen Ratsgeschlechts.

 

© Edition Luisenstadt, 1998
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