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Adolf Gottstein (1857–1941) und dem Wiener Ludwig Teleky (1872–1957), darauf hinaus, »medizinische Dinge in sozialwissenschaftlicher Beleuchtung« darzustellen. Das war die Antwort einiger weniger Ärzte auf zunehmende Bestrebungen, die Medizin nur noch von den wachsenden naturwissenschaftlichen Erkenntnissen der Biologie, Chemie und Physik her zu betreiben und damit die »Gesamtpersönlichkeit des Kranken, seine Konstitution, seine spezifische Beeinflussung des Krankheitsverlaufes durch die Umwelt« (alle Zitate aus den Memoiren von Grotjahn »Erlebtes und Erstrebtes«, Berlin 1932), Wohnung, Ernährung und Arbeit grob zu vernachlässigen. Er bezog deshalb Medizinal- und Bevölkerungsstatistik, Nationalökonomie und die Sozialwissenschaft in die medizinische Beurteilung des Menschen als biologisches und gesellschaftliches Wesen ein.
     Die sozialhygienische Komponente in seinem ärztlichen Denken ergab sich aus zwei Erlebsnissträngen. Zum einen aus seinen 20jährigen Erkenntnissen als niedergelassener Arzt in Berlin (von 1896 bis 1915), und zum anderen aus einem frühzeitigen regen Interesse für gesellschaftstheoretische und politische Vorgänge. Geboren am 25. November 1869 in einer Arztfamilie in Schladen/Harz, besuchte er das Gymnasium in Wolfenbüttel, wo er 1890 das Abitur erwarb. Nach seinem Medizinstudium in Greifswald, Leipzig, Kiel und Berlin eröffnete er 1896 in
Bernhard Meyer
Begründer der Sozialhygiene

Der Arzt Alfred Grotjahn (1869–1931)

Gesundheitspolitiker, Sozialhygieniker, Sozialmediziner und Medizinhistoriker in Vergangenheit und Gegenwart bewerten sein Lebenswerk wissenschaftlich wie politisch kontrovers. So wurden ihm Attribute wie marxistischer und sozialistischer, rechtssozialdemokratischer und bürgerlicher Sozialhygieniker angeheftet. Seine rassenbiologischen Auffassungen und Fortpflanzungstheorien (Eugenik) gerieten in gefährliche Nähe zu den Wegbereitern der Rassenhygiene des Faschismus. Konservative erblickten in Grotjahn stets den »roten Sozialhygieniker«. Von der Sowjetunion der 20er Jahre hochverehrt, galten seine ins Russische übersetzten Schriften als Signal für eine neue Organisation des Gesundheitswesens. Einigkeit dagegen besteht mehrheitlich vor allem darin, ihn als wesentlichen Begründer der wissenschaftlichen Sozialen Hygiene (Sozialhygiene) in Deutschland anzusehen. Sein Bestreben lief gleich dem anderer sozialhygienisch denkender Ärzte, wie etwa Alfons Fischer (1873–1936),

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der Kommandantenstraße 27 (Bezirk Kreuzberg) eine private Niederlassung als praktischer Arzt. Ungewöhnlich für die zeitgenössische medizinische Praxis war sein Bestreben, den gesamten Menschen und nicht nur ein lokal begrenztes Organ in sein ärztliches Denken und Handeln einzubeziehen.
     1900 verlegte Grotjahn seine Praxis in die Nähe des Waldeckparks an der Alexandrinen-/ Ecke Kürassierstraße (heute Oranienstraße). Als Kassenarzt des Berliner Gewerks- Krankenvereins nahm er regen Anteil an der Sicherung der wirtschaftlichen und freiberuflichen Interessen niedergelassener Ärzte. Die Entwicklung zu einem Freigeist und »Sozialisten eigner Prägung« begann in früher Jugend und erhielt vor allem durch seinen Wolfenbütteler Schulfreund Albert Südekum (1871–1944), später langjähriger sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter und von November 1918 bis 1920 preußischer Finanzminister, Richtung und Prägung. Während des Studiums las er Marx, Engels, Kautsky und Mehring. Den »wissenschaftlichen Sozialismus marxistischer Prägung«, den »Klassenstandpunkt und die These der materialistischen Geschichtsauffassung« hat er sich niemals vollständig zu eigen machen können. Einem Studenten einer deutschen Universität drohte Relegation, wenn die Zugehörigkeit zu einer sozialistischen Gruppe dem Dekanat bekannt wurde. Grotjahn hielt dies jedoch nicht davon ab, eifrig an SPD-nahen
sozialistischen Studentenzirkeln teilzunehmen. Theroretische Anregung und feste Grundlage für seine sozialhygienische Denkweise fand er bei Gustav Schmoller (1838–1917), dem Berliner Ordinarius und Hauptvertreter der »Jüngeren historischen Schule der Nationalökonomie«. Er wandte Schmollers Lehre auf medizinische und hygienische Fragen an und gelangte zu Erfolgen, die er mit der »marxistischen Doktrin« nicht erzielt hätte.
     Aus seiner ärztlichen Praxis heraus begann Grotjahn ab 1898 über verschiedene sozial determinierte Themen zu publizieren. Seine erste Schrift befaßte sich mit dem Alkoholismus, dem in seiner Verbreitung nicht durch Appelle und staatliche Verbote beizukommen sei, sondern nur durch die Gestaltung einer Außenwelt, die ein »intensives Glücksgefühl vermittele« und somit vom Alkohol als vermeintlichem Trostspender wegführe. Zu seinem Themenkreis gehörten weiterhin Volksernährung, Fortpflanzung, Sozialversicherung, Lungenheilstättenbewegung, Krankenhauswesen und Wohnverhältnisse. Außerordentlich beeindruckt zeigte sich Grotjahn von einer Englandreise, die er 1902 unternahm. In London studierte er die Degeneration bei Kindern und Jugendlichen und festigte seine Auffassung, daß dieser Prozeß nicht biologisch schicksalsbedingt sei, sondern mit sozialpolitischen Regelungen aufgehalten und umgekehrt werden könne. In jenen
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Jahren verstärkte er seine Arbeit zur Herausbildung der Sozialen Hygiene mit dem Ergebnis einer Definition, die er 1904 vorlegte. Nach Grotjahn war sie die Lehre von der theoretischen »Verallgemeinerung der hygienischen Kultur« einschließlich der Umsetzung in normative Maßnahmen im Sinne von wissenschaftlich begründbaren Verhaltensregeln für den einzelnen wie für die Gesellschaft und deren soziale Absicherung durch staatliche Gesetze. Gerade mit dem Anliegen, der Sozialen Hygiene nicht nur einen deskriptiven Charakter zu geben, sondern sie als Grundlage für gezielt angestrebte Veränderungen zu nutzen, ging er über die vorherrschenden Denkweisen sozial ausgerichteter Ärzte, wie vor allem jener von Alfons Fischer, deutlich hinaus. Alle seine Erkenntnisse faßte Grotjahn 1912 in seinem umfangreichen Werk »Soziale Pathologie« zusammen, dem er im gleichen Jahr zusammen mit Ignaz Kaup (1870–1944) das »Handwörterbuch der Sozialen Hygiene« folgen ließ. Sein Konzept versucht das Individuum in die Wechselwirkung von Krankheit und gesellschaftlicher Umwelt zu stellen. Demnach begünstigten die sozialen Verhältnisse die Krankheitsanlage, waren sie Träger der Krankheitsbedingungen, vermittelten sie die Krankheitsauslösung und beeinflußten den Krankheitsverlauf. Dem sollte der Staat mit normativen Akten wirkungsvoll entsprechen.
     Die praktizierende Ärzteschaft hing der
ihnen an den Universitäten gelehrten und von den Koryphäen vertretenen Behandlung einer im individuellen Organismus lokalisierbaren Störung nach strengen, immer stärker naturwissenschaftlich begründbaren Regeln an. Grotjahn blieb weitgehend unbeachtet, denn die »physikalisch- biologische Betrachtung in der Hygiene« und die »klinisch- kasuistische in der Medizin« waren anerkannt, dagegen die soziale Komponente nicht gefragt. Sozialhygienisches Denken betrachtete die Ärzteschaft lediglich als Randerscheinung, als eine der vielen kommenden und wieder vergehenden Modeerscheinungen in der Medizin. Mehr Aufmerksamkeit erlangte er hingegen bei jenen Ärzten, Biologen und Sozialwissenschaftlern, die sich mit Fortpflanzung, Vererbung und Bevölkerungsentwicklung beschäftigten und die vornehmlich sozialdarwinistische Ideen vertraten. Nach deren Auffassung waren schwache und kranke menschliche Individuen zum Untergang verurteilt und sollten u. a. keine Chance zur Fortpflanzung erlangen. Die Eugeniker der seinerzeitigen Ausrichtung erblickten in den Grotjahnschen sozialen Absichten die Wirkung, gerade diese degenerierenden Geschöpfe zu erhalten und damit die zivilisierte Menschheit zu gefährden. Grotjahn befand sich in einer schwierigen Situation – von der Ärzteschaft ignoriert und von an Einfluß gewinnenden Eugenikern attackiert. Fortan begab sich Grotjahn auf eine lebens-
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lang anhaltende Gratwanderung, die unter Beibehaltung seiner sozialhygienischen Ansichten zu restriktiven, letztlich antihumanistischen Fortpflanzungsregeln für »körperlich Minderwertige« führen sollte. Er geriet in Widerspruch zu anderen Sozialhygienikern, die in ihrem Wollen keine kontraselektorische Wirkung sahen, und er unterstützte rassenhygienisches Gedankengut, das staatlicherseits eher wohlwollend als ablehnend aufgenommen wurde. So geriet er als Wissenschaftler und Sozialdemokrat in die Gefahr, nach Belieben von verschiedenen Richtungen ausgenutzt zu werden. Vorschub dafür leistete er mit seiner »Hygiene der menschlichen Fortpflanzung« von 1926, in der er deutlich gegen die weitere Verbreitung der Slawen und Kolonialvölker eintrat und den »Minderwertigen«, nach seiner Darstellung etwa ein Drittel der Gesellschaft, normale Rechte absprach und eine gesetzlich sanktionierte Zwangssterilisierung anstrebte. Grotjahn war beileibe kein Rassenhygieniker, aber sein Schrifttum ist eugenisch durchdrungen.
     Das Einlenken Grotjahns entkleidete ihn bei den etablierten Wissenschaftlern und im preußischen Kultusministerium keineswegs von den Etiketten, Sozialhygieniker und Sozialist zu sein. Die Ernennung zum Universitätsdozenten scheiterte 1905 an der Charité und erfolgte dort erst 1912. Im gleichen Jahr erreichte ihn ein Ruf der Münchner Universität, den er jedoch wegen
zu geringer Bezahlung ablehnte. Statt dessen nahm sein Mitautor, der Hygieniker Ignaz Kaup, den neugegründeten Lehrstuhl für Soziale Hygiene an der Isar ein. Für seine Berufung zum Ordinarius in Preußen bedurfte es erst des Endes der Monarchie, wobei noch beträchtliche Widerstände in der Berliner Fakultät und unter der Beamtenschaft des zuständigen Ministeriums zu brechen waren, ehe 1920 der Charité kraft Ministerentscheid der erste sozial- hygienische Lehrstuhl mit dem niedrigsten Status einer Abteilung zugeordnet wurde. Außer einem bescheidenen Zimmer billigte ihm die Charité nichts zu, also auch keine Assistenten oder andere Mitarbeiter. Die alteingesessene Professorenschaft ignorierte ihn als »Revolutionsprofessor«. Um so erstaunlicher seine Wahl zum Dekan der Fakultät mit 20 gegen zwei Stimmen für die Amtszeit 1927/28, mit der die Umbenennung und Aufwertung in »Sozialhygienisches Seminar« einherging. Nach seinem Tod am 4. September 1931 übernahm der Sozialhygieniker Benno Chajes (1880–1938) das Seminar, ehe es 1933 von den Nazis sofort aufgelöst und als Lehrstuhl für (faschistische) Rassenhygiene durch Fritz Lenz (1887–1976) einer völlig neuen Ausrichtung unterzogen wurde.
     In den ersten Jahren der Weimarer Republik avancierte Alfred Grotjahn neben Julius Moses (1868–1942) zum namhaftesten gesundheitspolitischen Sprecher der SPD.
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Als Nachfolgekandidat gelangte er 1921 in die Reichstagsfraktion der Sozialdemokratie, in der er versuchte, seine sozialhygienischen Ansichten durchzusetzen. Das gelang in sehr unterschiedlichem Maße, obwohl jedoch während der Präsidentschaft von Friedrich Ebert die allgemeine Aufmerksamkeit der Fraktion für gesundheits- und sozialpolitische Fragen zugenommen hatte. Im Gegensatz zu Hufeland (1762–1836) und Heim (1747–1834), die eine Impfung der Bevölkerung gegen Pocken seinerzeit für erforderlich hielten, lehnte Grotjahn den Impfzwang ab. Er strebte ein Reichsministerium für Volkswohlfahrt und Volksgesundheit an und votierte für die Übertragung der wesentlichsten Aufgabe des Jugendwohlfahrtsgesetzes an die Gesundheitsämter. Aus Gründen der Gleichberechtigung der Frau lehnte er die polizeiliche Überwachung der Prostituierten ab.
     Den umfassendsten Einblick in seine gesundheitspolitischen Ziele gewährt das Görlitzer Programm der SPD von 1922. Als Autor des gesundheitspolitischen Abschnitts gelang es ihm, einige für die Arbeiterschaft wichtige Forderungen zu verankern. Dazu gehört die »Übernahme des gesamten Heil- und Gesundheitswesens in den Gemeinbetrieb unter Beseitigung jeglicher privatkapitalistischer Wirtschaftsform«. Obwohl diese Formulierung verschieden interpretierbar ist, lief sie letztlich auf die Schaffung einer kapitalfreien Enklave für das Gesund-
heitswesen inmitten der Herrschaft des Marktes hinaus. Dafür wählte Grotjahn den damals in der Sozialdemokratie üblichen Begriff »Sozialisierung«, die er auch auf das Gesundheitswesen ausdehnen wollte. Damit hatte er sofort alle freipraktizierenden Ärzte und Zahnärzte gegen sich, da diese ihre öffentliche Anstellung wie der Teufel das Weihwasser fürchteten. 1929 publizierte er dagegen die Ansicht, daß der freipraktizierende Arzt seine große Bedeutung für die Krankenversorgung behalten würde. Widerruf oder Differenzierung seines Standpunktes? 1921 setzte er sich für den legalisierten Schwangerschaftsabbruch ein, während er später für die Beibehaltung des berüchtigten Paragraphen 218 plädierte. Inkonsequenz oder Anpassung?
     Grotjahn ließ seine Biographen darüber wie über andere sich wandelnde Ansichten im unklaren. Die politische Öffentlichkeit währte für Grotjahn nur eine kurze Zeit, da er 1924 nach Auflösung des Reichstages nicht wieder kandidierte. An seine Stelle trat nun in der SPD-Fraktion und im Parteivorstand unangefochten der Arzt Julius Moses, während seine gesundheitspolitischen Forderungen schon 1925 durch das Heidelberger Programm bis zur Unkenntlichkeit verändert wurden. Grotjahn wirkte im Reichsgesundheitsrat und im preußischen Landesgesundheitsrat weiterhin im politischen Sinne der Sozialdemokratie.
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Es hat viele Versuche gegeben, den politischen Standort Grotjahns zu fixieren. Sie alle brachten bisher seine Widersprüche, Begrenztheiten, Wandlungen, Irrungen und Kompromisse nicht auf einen Nenner. Am ehesten trifft wohl zu, daß er in der Sozialdemokratie »am äußersten rechten Rand« (Michael Hubenstorf, 1987) anzusiedeln sei. Die Grenzen zum Konservatismus sind fließend wie die Ablehnung der KPD absolut. Er hegte die Hoffnung, daß sich die SPD »von einer reinen Arbeiterpartei zu einer umfassenden Kulturpartei« entwickeln werde. Bemerkenswert seine anhaltende, gefühlsbetonte Sympathie für die notleidenden Arbeiter und ihre sozialen Bedingungen für Gesunderhaltung und Krankheit. Als Student hielt er eine Revolution zur Machtänderung noch für möglich, als sich die Spitze der Sozialdemokratie bereits von derartigen Gedanken verabschiedete. Später schien ihm die Aussöhnung der Arbeiterbewegung mit dem Staat realistischer zu sein. Um die Jahrhundertwende besuchte er regelmäßig den »Roten Salon« bei Leo Arons (1860–1919), jenem Physikdozenten der Berliner Friedrich- Wilhelms- Universität, der wegen seiner eingestandenen Zugehörigkeit zur Sozialdemokratie am 20. Januar 1900 mit Hilfe der »Lex Arons« von seiner Funktion relegiert wurde. Im Salon trafen sich vornehmlich revisionistische Sozialdemokraten, Anhänger Friedrich Naumanns (1860–1919), Anarchisten und Exilanten zur Debatte. Seit 1901 mied er den Salon und vollzog einen Schwenk von der reinen Politik zur »Hygiene- Politik«, die er mittels der Wissenschaft sachlich und beweiskräftig anstelle irgendwelcher parteilichen oder gewerkschaftlichen Agitation betreiben wollte. Dem Ersten Weltkrieg stand er als überzeugter Pazifist gegenüber; die übliche Kriegseuphorie stellt sich bei ihm nicht ein. Den »Aufruf an die Kulturmenschheit« der deutschen Wissenschaftler lehnte er ebenso konsequent ab wie er dem unfähigen Wanken und Straucheln der Sozialdemokratie bei der Bewilligung der Kriegskredite keinerlei Verständnis entgegenbringen konnte. Gleichzeitig bestand für ihn die »wirkliche äußere Gefahr« im »Bevölkerungsauftrieb des Slawentums«, der nicht durch den Krieg der Waffen, sondern nur durch Reduzierung der Geburtenzahlen und Sicherung der Dominanz der elitären Rasse, die er in Völkern »mit vorwiegend germanischen Rassebestandteilen« wie Deutschland und England sah, aufgehalten werden konnte. Antisemitismus und Arierbegeisterung der faschistischen Bewegung hat er niemals geteilt.
     Alfred Grotjahn geriet in den »Widerspruch zwischen caritativem Mitgefühl, darwinistischen Daseinskämpfen, neomalthusianistischen Bevölkerungsgesetzen und den in seiner Zeit verbreiteten pseudowissenschaftlichen Entartungstheorien« (Inge Dahm u. a., 1981). Eine solche Vielfalt von
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Ansichten und ihre Wandlungen boten nach seinem Tod mehrere Möglichkeiten für seine Vereinnahmung. Die Faschisten mußten sich nicht unbedingt auf Grotjahn als Wissenschaftler berufen, da ihnen die deutsche Wissenschaft ein umfangreiches rassenhygienisches Arsenal vorbereitet hatte. Führende Sozialhygieniker der DDR betrachteten ihn nach Überwindung einiger Unsicherheiten und Schwankungen unter Weglassung seiner eugenischen Auslassungen als Stammvater der wissenschaftlichen Sozialhygiene und als fortschrittlichen Gesundheitspolitiker. In der Bundesrepublik wertete man unter Berufung auf ihn die Medizinalverwaltung auf und bildete Amtsärzte aus. Andere sahen ihn dort in der anklagenswerten Reihe derjenigen, die für die intellektuelle Vorbereitung des Faschismus verantwortlich waren.
     Arbeitsam und fleißig, geistig wach und vielseitig interessiert – das waren wesentliche Eigenschaften von Alfred Grotjahn. Unbestritten sein Verdienst, in einer Zeit des naturwissenschaftlichen Booms in der Medizin mit Nachdruck auf die sozialen Aspekte bei Gesundheit und Krankheit aufmerksam gemacht zu haben. Ein Anliegen übrigens, das seine Aktualität auch heute nach wie vor angesichts der technisierten Medizin besitzt. Nachdem Grotjahn sich 1914 habilitiert hatte, gab er 1915 seine ärztliche Praxis auf und wechselte in die sozialhygienische Abteilung beim gerade gegründeten Berliner
Medizinalamt. Seinen Wohnsitz nahm er mit seiner Frau Charlotte (geb. Hartz), die er 1900 geheiratet hatte, in der Derfflingerstraße. In den 20er Jahren pflegte er eine absolute Abstinenz gegenüber Alkohol, Nikotin und Koffein. Entgegen bestimmten früher geäußerten Ansichten zur Volksernährung unterzog er sich 1929 einem Selbstversuch und ernährte sich nur noch mit Roggenbrot und fleichfreier Kost. Seit über 20 Jahren von Gallenblasenentzündungen geplagt, eine Operation stets hinauszögernd, stellten sich Ende August 1931 Kolikschmerzen und Gelbsucht ein, die zu seinem schnellen Tod führten. Seine Autobiographie »Erlebtes und Erstrebtes« erschien erst 1932, initiiert von seinem Sohn Martin, einem bekannten Psychoanalytiker, der seinerseits 1936 in die USA emigrieren mußte.

Quellen:
Alfred Grotjahn: Erlebtes und Erstrebtes. Erinnerungen eines sozialistischen Arztes, Berlin 1932
M. Hubenstorf: Alfred Grotjahn, In: Berlinische Lebensbilder II. Mediziner, hrsg. von W. Treue und R. Winau, Berlin 1987
I. Dahm/ R. Schorr/ J.-U. Niehoff: Zum 50. Todestag von Alfred Grotjahn, In: Zeitschrift für Ärztliche Fortbildung, 75. Jg. (1981), S. 878 ff.

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