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44 Berliner Gespräche![]() | Fotografin Eva Kemlein ![]() ![]() |
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»Hast du noch 'ne Kamera?«
Die Fotografin Eva Kemlein eine Berliner Chronistin Wer sich mit der Theatergeschichte Berlins nach 1945 vertraut machen will, stößt mit Sicherheit auf Fotos von Eva Kemlein. Alle Großen der Zeit sind in ihrem rund 300 000 Negative umfassenden Archiv verewigt, das sie vor geraumer Zeit dem Stadtmuseum Berlin übergeben hat. Eva Kemlein, Jahrgang 1909, hält auch heute noch Inszenierungen mit der Kamera fest; ein beschauliches Seniorenleben kam für sie nie in Frage. Zur Zeit bereitet sie ein Buch vor, geht täglich zwei Stunden mit dem zweijährigen Cocker Ouzo (»alle meine Hunde hatten Schnapsnamen«) im Grunewald spazieren und verfolgt aufmerksam Berlins Theaterszene. Sie lebt in der ehemaligen Künstlerkolonie am Breitenbachplatz. Sie wurden in Charlottenburg als Tochter jüdischer Eltern geboren. Geht die Liebe zur Kunst, zur Fotografie und zum Theater, auf Ihr Elternhaus zurück?
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Elternhaus gehörten, wie in den bürgerlichen Kreisen üblich, Opern- und Theaterbesuche, aber es prägte sich nichts Besonderes dabei aus.
Was wollten Sie werden, bevor die Nationalsozialisten jeglichen Berufswunsch
zunichte machten?
Und wann hatten Sie das erste Mal eine Kamera in der Hand?
Nun kann ja nicht jeder eine Kamera in die Hand nehmen und gute Bilder machen.
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45 Berliner Gespräche![]() | Fotografin Eva Kemlein ![]() ![]() |
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Eva Kemlein, fotografiert von B. Schippers | ||||
Technische hatte ich im Lettehaus während meiner Ausbildung gelernt. Da war das
Fach Fotografie zwar mehr wissenschaftlich angelegt, aber ich wußte Bescheid mit
Kameras, Objektiven und auch mit der Arbeit in der Dunkelkammer.
Sie kamen trotz der Nürnberger Gesetze 1937 nach Berlin zurück, warum?
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noch zusammen. Ich hatte gemerkt, daß das zwar alles sehr schön und abwechslungsreich war, aber eben doch nicht fundiert genug, um ein Leben miteinander führen zu können. Unsere Ehe galt ja als Rassenschande, da mußte einer schon
eine sehr starke Persönlichkeit gewesen sein, um das auf sich zu nehmen.
Ich kam nach Berlin zurück, weil meine Mutter noch hier lebte. Mein Vater war 1933 gestorben, meine Brüder hatten es inzwischen geschafft, aus dem Land zu kommen. Der eine nach Brasilien, der andere nach | |||
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Uruguay, einer mit zehn Mark in der
Tasche als Tourist. Mittellos, wie sie waren,
gelang es ihnen nicht, meine Mutter nachzuholen. Die meisten Länder hatten ja ihre
Grenzen dicht gemacht und verlangten hohe Kautionssummen. Und das Vermögen
meiner Mutter war beschlagnahmt. Für mich war es damals ganz klar, meiner Mutter beizustehen.
In dieser für Sie als Jüdin schon
gefährlichen Zeit begannen Sie auch noch mit der
illegalen Arbeit.
Wie haben Sie das Kriegsende erlebt?
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jede Bombe ist ein Schritt zu Hitlers
Ende. Im April 1945 versteckten wir uns in einem Keller in der Nymphenburger Straße
in Schöneberg. Stein hatte gerade eine Lungenentzündung überstanden. Natürlich
mußte man den Leuten erklären, wer wir
waren, woher wir plötzlich kamen, warum er nicht beim Volkssturm ist. Also wurde die Legende von einem Dekorateur in
Hitlers Auftrag erfunden. Und als solcher radelte Stein mit einem Kuvert voller Flugblätter durch die Stadt, auf dem Kuvert stand »Auf Befehl des Führers«. Im Mai
kamen dann zwei Soldaten von der Roten Armee in den Keller. Auch sie wollten wissen, warum er nicht beim Volkssturm ist. Kommunist und illegal, hat er ihnen erklärt.
Und da wollten die doch tatsächlich das
Parteibuch sehen. Weil er das nicht hatte, wollten sie ihn erschießen, dachten, er wäre
ein Nazi. Da hat er nur sein Jackett aufgemacht und gesagt: schieß. Da sind sie gegangen.
Kürzlich wurden in einer Ausstellung Fotos gezeigt, die Sie in den ersten
Nachkriegstagen gemacht haben. Obwohl man fast den
Brandgeruch dieser Trümmerlandschaft in die Nase bekommt, strahlen die Menschen Optimismus aus, Eva Kemleins Optimismus?
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Jahre von der Genossenschaft
Deutscher Bühnenangehöriger gebaut worden
war. Werner Stein war ja Schauspieler und Regisseur. Was waren wir selig, eine eigene Wohnung, Lebensmittelkarten, das war ja ein solcher Reichtum. Und wir
waren voller Elan. Werner Stein half mit, die Kultur in Wilmersdorf wieder in Gang zu
bringen, das erste Konzert des Philharmonischen Orchesters auf die Beine zu stellen. Es
fand im Titania- Palast statt.
In diesen Tagen begann auch Ihr Weg als Berliner Pressefotografin. Wie ging das
vor sich?
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Dazu brauchte ich natürlich mehr als
meine Kamera. Der Schwiegervater von einem der aus etwa fünf Leuten bestehenden
Gruppe war in Wilmersdorf Porträtfotograf. Zu
dem machten wir uns von Lichtenberg aus zu Fuß auf den Weg und bekamen auch
eine Entwicklerdose und einen
Vergrößerungsapparat. Damit wieder zu Fuß zurück nach Lichtenberg. Irgendwo fand sich dann ein Zimmer, in dem ich auch übernachten konnte. Die ersten Filme habe
ich dort im Kleiderschrank entwickelt. Die erste Ausgabe der »Berliner Zeitung«
erschien dann am 21. Mai 1945. Schlagzeile
»Berlin lebt auf«. Mein erstes veröffentlichtes
Foto nach dem Krieg zeigte in dieser Ausgabe einen Zeitungsmann.
Sie waren dann von 1948 bis 1950 beim Illus- Bilderdienst angestellt. Trotz der
unsicheren Zeiten sind Sie dort weggegangen und
haben freiberuflich gearbeitet, warum?
Brecht kam 1948 nach Berlin, im Januar 1949 fand im Deutschen Theater die
deutsche Erstaufführung der »Courage« statt. War
das Ihr Start als Theaterfotografin?
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48 Berliner Gespräche![]() | Fotografin Eva Kemlein ![]() ![]() |
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Stein, der Brecht schätzte. Er hatte 1928
die »Dreigroschenoper« am
Schiffbauerdamm gesehen. Jedenfalls bin ich von hinten
durch den Bühneneingang und habe
fotografiert, auch in den Garderoben, Helene
Weigel, Werner Hinz, Paul Bildt. Die Proben mit Brecht waren für mich wie der Gang zu einer heiligen Handlung. Es war alles neu und aufregend. Und der Brecht
amüsierte sich köstlich, wenn ihm etwas gefiel. Er ließ die Leute spielen, ihre eigenen Ideen entwickeln. Ich war begeistert, von dem Stück, von Brecht, von der Weigel als Courage,
die einem auf der Bühne zeigte, was man
selbst erlebt hatte.
Wie haben Sie damals die sogenannte Formalismusdebatte erlebt, die ja auch um
die »Courage« geführt wurde?
Sie haben nicht unwesentlichen Anteil daran, daß später Ernst Busch den Galilei spielte.
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abgelehnt. Zur Uraufführung 1947 in
Hollywood hatte der berühmte Charles Laughton den Galilei gespielt. Schon äußerlich ein
absoluter Gegensatz zu Busch. Laughton, ein gern lebender, gern essender Mensch,
und der asketisch wirkende Busch, der ganz dünn und schmal und abgerissen aus
dem Zuchthaus Brandenburg gekommen war. Dort hatte ihn noch der Splitter einer Bombe getroffen, so daß die eine Gesichtshälfte gelähmt war und er nicht mehr
richtig sprechen konnte. Jahrelang hat er dagegen gekämpft, und es ja auch geschafft. Jedenfalls hat der Stein damals zu Busch gesagt, wenn du den Galilei spielst, ist das die Rolle deines Lebens. Als er dann endlich einwilligte, kam er noch öfter
als sonst zu uns. Morgens vor dem
Frühstück, ging einmal durch die Wohnung, stumm
wie ein Fisch, und verließ die Wohnung
wieder. Und wir wußten, daß er mit irgend
etwas nicht fertig wird. Dann kam er sechsmal am Tag, ging stumm durch die Wohnung
und verschwand. Dann kam er und blieb endlich, und es wurde lange über die Rolle geredet.
War für Werner Stein die Nachkriegszeit auch so erfolgreich?
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49 Berliner Gespräche![]() | Fotografin Eva Kemlein ![]() ![]() |
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für Leute sind. Einer, der deutsch
radebrechte, redete also mit dem Stein, der ihm viele Gedanken entwickelte, was man
tun müßte und könnte. Je länger diese
Unterhaltung ging, desto mehr verfiel der Offizier ins Sächsische. Und da sagte Stein, Mensch, du bist doch der Ulbricht. Und er war es. Danach sorgte Ulbricht dafür, daß Werner Stein von dieser Arbeit entfernt wurde.
Ohne Kommentar wurde ihm mitgeteilt, »auf höheren Befehl« brauche er
am nächsten Tag nicht mehr wiederzukommen. Ulbricht wollte nicht, daß ein
jüdischer Intellektueller an eine führende Stelle kommt.
Sie haben Sich immer als Chronistin verstanden, ab den 50er Jahren aber hauptsächlich
in den Theatern fotografiert. Was hat Sie daran so gereizt?
Die Stiftung Kulturfonds hilft mit einem Stipendium beim Entstehen eines Bildbandes |
mit Ihren Arbeiten. Wird das eine Werkschau oder ein Theater- Bildband?
Eva Kemlein: Es soll schon eine Werkschau werden. Mit den Berlin- und Theaterfotos, aber auch einigen der vielen Reportagen, die ich beispielsweise in Südamerika gemacht habe. Wer so viele Jahre die Theaterszene in Berlin miterlebt hat, konnte natürlich auch die
Veränderungen beobachten. Ist für Sie Berlin
noch die Theaterstadt?
Das Gespräch führte Jutta Arnold | |||
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50 Berliner Gespräche![]() | Fotos von Eva Kemlein ![]() ![]() |
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![]() Der Tiergarten nach dem Kriegsende abgeholzt und als Acker genutzt | |
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51 Berliner Gespräche![]() | Fotos von Eva Kemlein ![]() ![]() |
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Mai 1946, Trümmerfrauen in der Warschauer Straße | ![]() | ||
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52 Berliner Gespräche![]() | Fotos von Eva Kemlein ![]() ![]() |
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![]() | Aufräumarbeiten 1946 im Bezirk Tiergarten | ||
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53 Berliner Gespräche![]() | Fotos von Eva Kemlein ![]() ![]() |
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Kleidernotstand Militärhemden werden 1947 an die Bevölkerung verteilt | ![]() | ||
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54 Berliner Gespräche![]() | Fotos von Eva Kemlein ![]() ![]() |
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![]() | Gemüseanbau auf einer Schutthalde in Reinickendorf, Mai 1946 | ||
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55 Berliner Gespräche![]() | Fotos von Eva Kemlein ![]() ![]() |
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Enttrümmern vor dem Deutschen Theater, Wolfgang Langhoff und seine Frau Renate | ![]() | ||
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56 Berliner Gespräche![]() | Fotos von Eva Kemlein ![]() ![]() |
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![]() Ernst Busch 1946 mit seinem Hund Kiki | |
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57 Berliner Gespräche![]() | Fotos von Eva Kemlein ![]() ![]() |
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![]() Die Schauspieler Eduard Winterstein (links) und Ernst Busch (rechts) sowie der Kritiker Herbert Jhering (Mitte) im Jahr 1953 | |
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58 Berliner Gespräche![]() | Fotos von Eva Kemlein ![]() ![]() |
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![]() | Bert Brecht auf einer Intendantentagung 1952 | ||
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59 Berliner Gespräche![]() | Fotos von Eva Kemlein ![]() ![]() |
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Helene Weigel als Anna Fierling in »Mutter Courage und ihre Kinder« | ![]() | ||
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60 Berliner Gespräche![]() | Fotos von Eva Kemlein ![]() ![]() |
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![]() | Wolfgang Heinz 1957 in Gorkis »Kleinbürgern« | ||
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61 Berliner Gespräche![]() | Fotos von Eva Kemlein ![]() ![]() |
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Inge Keller als Iphigenie 1963 im Deutschen Theater | ![]() | ||
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62 Berliner Gespräche![]() | Fotos von Eva Kemlein ![]() ![]() |
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![]() | Helene Weigel als Gouverneursfrau im »Kaukasischen Kreidekreis« | ||
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63 Berliner Gespräche![]() | Fotos von Eva Kemlein ![]() ![]() |
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Angelika Hurwicz als Grusche im »Kaukasischen Kreidekreis« | ![]() | ||
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64 Berliner Gespräche![]() | Fotos von Eva Kemlein ![]() ![]() |
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![]() | Christian Grashof 1979 in Tollers »Der entfesselte Wotan« | ||
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65 Berliner Gespräche![]() | Fotos von Eva Kemlein ![]() ![]() |
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![]() Heiner Müller mit seinem Regiestab bei der Probe zum »Lohndrücker« im Deutschen Theater am 29. Januar 1988 Bildquelle: Stadtmuseum Berlin | |
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© Edition Luisenstadt, 1997
www.luise-berlin.de